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Rechercheprotokolle

Überall, wo Missstände herrschen, gilt es diese aufzudecken und zu protokollieren, damit die Öffentlichkeit informiert und ggf. Schritte eingeleitet werden können. Ob Tierquälerei, illegale Müllentsorgung, Umweltverschmutzung oder vieles weiteres: All das kann und sollte mittels Recherchen aufgedeckt, protokolliert und veröffentlicht werden. Nur so entsteht wertvolles Beweismaterial, auf Basis dessen Forderungen nach Gegenmaßnahmen ergriffen werden können.
Wenn die Recherche durchgeführt ist, müssen die gewonnenen Infos natürlich gesammelt werden und dazu gibt’s das Rechercheprotokoll. Zusammen mit eventuellen Bildern, Videos oder Tonbandaufnahmen stellt das Protokoll die Dokumentation der recherchierten Missstände dar. Das Protokoll mit den anderen Beweismitteln ist das Ziel der Recherchen und mit ihnen können dann Freund*innen, Medien, Vereine, Behörden und alle anderen, die sich dafür interessieren könnten, von euren Rechercheergebnissen erfahren.

Muss denn das wirklich sein?

Die Notwendigkeit eines guten, strukturieren und seriösen Rechercheprotokolls ergibt sich klar daraus: Die Recherche ist wertlos ohne das Protokoll, das euer gesammeltes Wissen und eure Beweise beinhaltet. Denn ohne Protokoll können andere nicht von den Missständen erfahren und die Recherche ist damit weitestgehend wertlos. Mit einem super Rechercheprotokoll lässt sich aber eine Menge bewegen. Von Medienberichten bis hin zu durch das Veterinäramt verhängten Strafen oder eigenen Infoaktionen gegen den/die Missstandsverursacher*innen ist alles möglich. Du denkst immer noch, Protokollschreiben ist lästig und ätzend? Nicht, wenn du mit ner halben Stunde Tippen eine Menge verändern kannst!

Die Prinzipien

Damit euer Protokoll ernst genommen wird, sollte es natürlich einigen Prinzipien genügen. Oberste Pflicht ist, alles absolut wahrheitsgetreu wiederzugeben. Nicht nur, weil Lügen bekanntlich kurze Beine haben und, wenn sie auffliegen, ein sehr schlechtes Licht auf euch werfen. Gerade im Tierrechtsbereich, aber leider auch in vielen anderen wichtigen Bereichen, gibt es genug Missstände, die für sich sprechen und nicht durch Lügen erfunden werden müssen. Eine einzige Lüge, und wenn es nur um die Uhrzeit geht, macht eure gesamte Recherche zunichte. Auch sollte euer Protokoll sachlich und nachvollziehbar sein. Der Satz „der arme, süße Hamster sah ziemlich traurig aus“ wird sicher weniger bewegen, als eine klare Dokumentation, dass der Hamster in der Zoohandlung mangels Rückzugmöglichkeiten gestresst war und im Käfig nervös und stereotyp hin und her rannte o.Ä. Dadurch steigt die Aussagekraft des Rechercheprotokolls enorm. Ein detaillierter und sachlicher Schreibstil macht die Dokumentation und euch selbst sehr glaubhaft. Und wenn glaubhaft belegt ist, dass Missstände vorherrschen, fällt es den Missstandsverursacher*innen um so schwerer das zu leugnen.

Formulierungsbeispiele:

„Der Hund schaute traurig“
= nicht beweisbarer, individueller Eindruck
„Der Hund lief im stereotyper Weise immer am Gitter auf und ab und lies sich nicht durch Zurufe oder andere Ablenkungsversuche beirren“
= Dokumentation stereotypen/krankhaften Verhaltens, sachliche Argumentation.

„Im Geschäft war dann ein ganzer Ständer voll mit Pelzzeugs“
= unsachlicher und wenig genauer Eindruck
„Trotz des von Modehaus XY erklärten Ausstiegs aus dem Pelzhandel waren auch in der Winterkollektion 2011 wieder Echtpelzbesätze zu finden. In der Damenabteilung (erster Stock) waren in Nähe der Umkleiden folgende Echtpelzprodukte zu finden:
–    4 Jacken der Marke „Cruelty“ mit Chinchilla-Echtpelz an Kragen und Ärmeln; Größen S, M, L, XL; Preis 59,50€ ; der Pelzbesatz war fälschlicherweise als Kunstpelz deklariert
–    …..“
=  genaue, detailierte und sachliche Beschreibung des Missstandes

Verwendungszweck

Bevor es ans Schreiben geht, überlegt euch, wofür ihr das Protokoll schreibt. Beim Veterinäramt ist eine andere Wortwahl angebracht als bei Medienvertretter*innen oder Freund*innen. Geht es um eine Anzeige wegen Tierquälerei bei der Amtsveterinärin bzw. dem Amtsveterinär, weil jemand seinen Hund misshandelt, dann solltet ihr sachlich schreiben und ruhig Fachwörter einstreuen. Möchtet ihr euren Freunden zeigen, dass die Tiere in Zoohandlungen zwar legal gehalten werden, aber dennoch leiden? Hier kann das Protokoll ruhig etwas umgangssprachlicher sein. Oder habt ihr recherchiert, dass Modehaus XY, obwohl es den Ausstieg aus dem Pelzhandel erklärt hat, fleißig weiter Tierleichenteile vertreibt? Das an die Presse geschickte Rechercheprotokoll sollte natürlich fachlich sein aber keine Fachwörter enthalten, da die Journalisten von der Thematik in der Regel keine Ahnung haben. In diesem Fall könnt ihr euch auch stark an den hier zu findenden Leitfäden orientieren. Sollen die Rechercheergebnisse auf eure Homepage, dann könnt ihr ruhig ein bisschen emotional schreiben, um die persönlichen Eindrücke den Leser*innen und Lesern besser vermitteln zu können.

Legal oder Illegal?

Ganz wichtig ist auch, dass ihr euer Protokoll darauf ausrichtet, ob es sich bei den ermittelten Missständen um legale oder illegale Missstände handelt. Wenn es sich um einen legalen Missstand handelt, solltet ihr deutlich herausstellen, warum die Tiere leiden. Vielen Leuten ist nicht bewusst, dass Zustände auch nicht in Ordnung sein können, obwohl das Gesetz nicht gebrochen wurde und das müsst ihr ihnen mit eurem Protokoll aufzeigen. Also dokumentiert genau, was den Missstand besonders grausam, schlimm etc. macht. Wenn es sich um einen illegalen Missstand handelt, solltet ihr vorrangig dokumentieren, wo genau das Gesetz gebrochen wurde. Wenn ihr ausführlich und glaubhaft belegt habt, dass Gesetze gebrochen wurden, könnt ihr das nicht nur zur Anzeige bringen, sondern habt dadurch in den Augen von Medien, Behörden und Bevölkerung schon automatisch bewiesen, dass es sich um etwas grausames, schlechtes etc. handelt. Wenn es verboten ist, muss es ja schließlich grausam, schlecht und böse sein ;-)

Ran an die Tasten

Ihr habt eine Recherche durchgeführt (Tipps dazu hier) und habt euch überlegt, für welche Zielgruppe ihr ein Rechercheprotokoll schreibt. Rechercheprotokolle werden als Fließtext verfasst. Die Vorteile liegen auf der Hand: Es können alle Eindrücke, die mensch als wichtig erachtet, im Protokoll untergebracht werden und eine genaue Schilderung der Umstände ist möglich. Das Protokoll sollte im Wesentlichen die W-Fragen beantworten und kann in etwa so aufgebaut werden.

Rechercheprotokoll-Titel

Ergebnisse der Recherche bzgl. der Tierhaltung im Zirkus Curdelitas am 3.11.2010

Wo fand die Recherche statt:

Die Recherche dokumentiert die vorherrschenden Haltungsbedingungen der Zirkustiere im Zirkus „Curdelitas“, wie sie während des Aufenthalts in Kreahausen vom XX.YY.ZZ bis zum xx.yy.zz auf dem Volksfestplatz (Kreastraße 7) vorzufinden waren.

Wann fand die Recherche statt:

Recherchiert wurde am XX.YY.ZZ von 15:00 Uhr bis um 15:45 Uhr.

Warum wurde die Recherche durchführt:

Anlass zur Recherche war der Hinweis einer Anwohnerin, der die Tierhaltungsbedingungen ungenügend erschienen. Da der Zirkus bereits vom Amtsgericht Kreaktivisten am aa.bb.cc wegen Tierquälerei verurteilt wurde, entschied sich der Verein eine Recherche durchzuführen.
Bitte nicht: „Weil der Zirkus X schon immer blöd war…“

Wer hat die Recherche durchgeführt:

Die Recherche wurde von 3 Aktivist*innen des Vereins „Zirkustierstopp e.V.“ durchgeführt.

Wie wurde die Recherche durchführt:

Die Aktivist*innen besuchten den Zirkus und insbesondere dessen Tierschau als normale Zirkusbesucher*innen und dokumentierten bei dieser Gelegenheit verschiedene Missstände. Auch wurden Gespräche mit dem anwesenden Personal geführt.
Bitte nicht: Wir haben uns in der Nacht vom XX.YY.ZZ auf den xx.yy.zz durch Zerstören der Absperrgitter Zugang zum Zirkusgelände verschafft.

Was wurde bei der Recherche herausgefunden:

Bei der Recherche wurden folgende Missstände bemerkt.
Elefantenhaltung: Die beiden Afrikanischen Elefanten Pati und Pauper waren in ihren Transportwägen eingesperrt. Ein Außengehege war trotz des bereits 5 Tage andauernden Aufenthalts auf dem Gelände nicht aufgebaut. Die Elefanten konnten nicht genauer betrachtet werden, über den Zustand der Tiere lässt sich demzufolge keine Aussage treffen.
Lamahaltung: Alle 5 Lamas des Zirkusses befanden sich zum Zeitpunkt der Recherche in ihrem Gemeinschaftsgehege (Abmessung 4m x 5m). Das Gehege war stark mit Kot und Urin verschmutzt, die Futterschüssel war leer und das Wasser in der Tränke mit Stroh und Erde verschmutzt. Als wir den Tieren Futter anboten, fingen sie an sich darum zu streiten, was darauf schließen lässt, dass die Tiere hungrig waren. Ein Lama hatte zudem eine frische Wunde am Bauch (Linke Seite, nah der Vorderläufe). Die Wunde war ca. 5cm lang, verschmutzt und hatte bereits leicht zu eitern begonnen. Das verletzte Lama heißt laut Pfleger Egestas und ist daran zu erkennen, dass am linken Ohr ein Stück fehlt.

Was waren die Reaktionen der Besucher*innen/Verkäufer*innen/ Zeug*innen…:

Mit der Frage konfrontiert, warum der Elefant im Transporter eingesperrt sei, erklärte uns der Tierpfleger und Dompteur (Vorname Nachname) des Zirkus Curdelitas, dass dies nur ausnahmsweise der Fall sei, da der Stellplatz kein Aufbauen des Außengeheges zulässt. Üblicherweise werde ein großes Außengehege aufgebaut (eine Aufzeichnung des Gesprächs finden Sie im Anhang).
Die Anwohnerin Paula Plaudertasche bestätigte uns gegenüber, dass der Elefant X tatsächlich seit mehreren Tagen im Transporter lebe (Gesprächsaufzeichnungen ebenfalls im Anhang).
Als wir das Pflegepersonal auf das verschmutze Lamagehege ansprachen, wurde die Frage nicht beantwortet. Zur eitrigen Verletzung des Lamas wurde uns erklärt: „Das ist nicht so schlimm, sowas verheilt ja wieder.“ (Gesprächsaufzeichung im Anhang).

Anhänge:

–    Aufzeichnung während der Recherche geführter Gespräche
–    Fotobelege der Elefanten- und Lamahaltung
Bitte beachtet, dass Videos, Fotos und Tonbandaufnahmen oft sehr viel über euch verraten! Sind Aktivist*innen, eure Fahrzeuge, Stimmen, Kleidung usw. kenntlich? Ist euch das recht? Ihr solltet natürlich beim Erstellen der Beweisstücke schon darauf achten, sie später verwenden zu können. Also posiert nicht neben dem verletzten Lama.

Kontaktdaten für Rückfragen:

Für Rückfragen und weitere Auskünfte stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung:
Zirkustierstopp e.V.
Kreakstraße 12
34567 Kreahausen
recherchen@zirkustierstopp.de
Mobil: 0123 / 456 789 1011
Natürlich wirkt es sehr seriös, wenn ihr eine Kontaktadresse für Rückfragen angebt. Das muss nicht unbedingt eine Privatadresse sein. Ein Verein als Kontaktmöglichkeit schützt nicht nur die Personen, die die Recherche durchgeführt haben, sondern wirkt auf die Behörden, Medien etc. auch seriöser.

Ein paar Tipps am Schluss:

Es gibt natürlich auch beim Protokoll noch weitere kleine Sachen zu beachten!

  • Versucht möglichst alles niederzuschreiben, wenn die Erinnerung noch frisch ist, ihr aber nicht (mehr) aufgebracht oder emotional belastet seid.
  • Du musst keine Bücher füllen oder ausschweifend ausschmücken. Es genügt, wenn du die dir wichtig erscheinenden Punkte ausführst. Wichtig ist, dass das Protokoll nachvollziehbar und strukturiert ist.
  • Gebt das Protokoll allen zu lesen, die beteiligt waren, um evtl. Dinge zu korrigieren oder hinzuzufügen.
  • Gebt das Protokoll Freunden usw. zu lesen um zu checken, wie die Ergebnisse bei Unbeteiligten ankommen. Auch Menschen, die nicht aus eurer Aktionsgruppe etc. stammen, geben oft sehr gutes Feedback, da sie eben nicht, wie ihr, Fachwissen und eine gefestigte Meinung zum Thema haben.
  • Wenn ihr Beweismittel (Fotos / Videos / Tonbandaufnahmen) versendet, legt niemals die Originale bei. Kopien sind für alle Empfänger*innen total ausreichend. Die Originaldateien solltet ihr gut aufheben.
  • Foto und Videodateien enthalten neben den Bildern auch noch viele Infos über deren Entstehung. Die sogenannten Metadaten enthalten z.B. genaue Angaben über die Kamera, die Zoomstufen etc. Durch ausdrucken der Fotos über einen Automaten lässt es sich sehr gut vermeiden, dass diese Daten von den Empfängern ausgelesen werden können (wo keine Datei ist, kann auch keine ausgelesen werden). Es bestünde auch die Möglichkeit, diese Metadaten durch Speichern im Format .bmp (Windows Paint Speicherformat) zu löschen. Auch wenn später wieder im ursprünglichen Speicherformat (meistens .jpg) abgespeichert wird, sind alle Metadaten gelöscht. Zum Überprüfen, ob noch Metadaten vorhanden sind, eignet sich das Programm „Exif Viewer“. Ausgedruckte Bilder machen aber nicht nur einen besseren Eindruck auf Amtsvertreter*innen, Journalist*innen etc., sondern sind auch eine todsichere Lösung um Metadateien zu vermeiden.

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